Interview mit Klaus Savelkouls - Gründungsmitglied und erstem Vorsitzendem von EMAS-International e. V. und Für Sierra Leone e. V.

Täglich sterben tausende von Menschen an den Folgen von verschmutztem Wasser. Der 1990 gegründete Verein EMAS-International e. V. hat es sich zum Ziel gesetzt, möglichst vielen Menschen weltweit den Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verschaffen. Wolfgang Buchner, Gründer des Vereins, hat eine Technologie entwickelt, mit der ausgebildete Brunnenbauer Trinkwasser-Versorgungssysteme konstruieren und installieren können.

Nach erfolgreichen Projekten in Bolivien und Lateinamerika wurde nun die erste Brunnenbauerschule in Sierra Leone fertiggestellt. Für Sierra Leone e. V. hat hierfür die finanziellen Aufwendungen für den Einbau der Elektroinstallationen übernommen.

 

Die Brunnenbauerschule ist eine echte Hilfe zur Selbsthilfe, sagt Klaus Savelkouls, Gründungsmitglied und erster Vorsitzender von EMAS-International e. V. im Interview mit Für Sierra Leone e. V. :

Für Sierra Leone e. V. (FSL): Herr Savelkouls, was genau steht hinter Ihrer Aussage und erklärtem Ziel Ihres Vereins „Hilfe zur Selbsthilfe“?

Klaus Savelkouls (KS): Durch die Ausbildung von Landarbeitern zu selbstständigen Trinkwasserversorgern leistet unser Konzept nachhaltige und effektive Hilfe zur Selbsthilfe. Es werden nur einfache, rasch zu erlernende Technologien verwendet, die benötigten Materialien lassen sich vor Ort leicht beschaffen. Neben ihrer Tätigkeit als Kleinbauern oder Handwerker haben die Wasserversorger somit auch eine weitere Einnahmequelle, sie können viele andere Menschen mit sauberem Trinkwasser zu günstigen Preisen versorgen.

FSL: EMAS hat eine eigene Bohrtechnik entwickelt. Was ist das Besondere daran?

KS: Mit der von Wolfgang Buchner entwickelte EMAS-Technologie kann ohne Maschineneinsatz mit einem selbst gebauten Bohrgerät binnen ein bis zwei Tagen ein 50 Meter tiefer Brunnen in lehmigem oder sandigem Boden gebohrt werden.

Die EMAS-Pumpe besteht aus zwei Glasmurmeln, zwei ineinander gesteckten PVC-Rohren und einem Griff aus Metallrohr, und kann Wasser aus ca. 50 Meter Tiefe oder 300 m Entfernung fördern.

FSL: Welche Vorteile hat Ihre Technologie gegenüber anderen Bauweisen?

KS: Auch andere Projekte führen irgendwann zum gleichen Ziel.

Mit unseren Technologien können aber sehr schnell und günstig Resultate erzielt werden. Auch sind beim Bau oder Finanzierung der Trinkwasserversorgung die Nutzer beteiligt. Der Besitzer wird dann auch besser auf seine eigenen Brunnen aufpassen, und kann ihn auch oft selbst reparieren. Reparaturen sind auch sehr günstig und die Brunnenbauer vor Ort können sie eigenständig ausführen.

FSL: Wie kann ein Brunnenbauer herausfinden, wo er bohren muss, um an sauberes Grundwasser zu kommen?

KS: Wo Menschen leben, gibt es auch meist Trinkwasserversorgungen. Anhand der bestehenden Brunnen, meist Schachtbrunnen, weiß man dann auch, ob und wie tief man bohren muss. Auch die Vegetation, die Menschen vor Ort und ausgetrocknete Wasserstellen können eine Hilfe sein. Es kommt auch vor, dass kein Wasser beim Bohren gefunden wird oder ein Fels oder großer Stein das Bohren unmöglich macht. Ca. jeder zehnte Brunnen ist eine Fehlbohrung.

FSL: Wie werden Brunnenbauer rekrutiert und wie erfahren die Bürger Sierra Leones von der Möglichkeit des Brunnenbauens?

KS: Die Azubis werden von Partnern vor Ort vorgeschlagen oder sind bei einem Workshop oder als Helfer bei einer Brunnenbohrung positiv aufgefallen. Sie sollten aber bereits handwerkliche Grundkenntnisse vorweisen können. Bei EMAS handelt es sich auch um eine Mobile Schule. Bei unserem nächsten Einsatz werden wir mit unseren bereits ausgebildeten Trinkwasserversorgern, die bereits selbst Brunnen gebohrt haben, mit unserer fahrbaren Werkstatt und Bohrgerät durch Sierra Leone fahren, Workshops anbieten und Brunnen bohren. So wollen wir auch neue Azubis finden, die EMAS-Technologie bekannt machen und neue Kunden gewinnen.

FSL: Die Brunnenbauerschule wurde im März diesen Jahres fertig gestellt, welchen Nutzen hat sie genau?

KS: Unsere Brunnenbauerschule TTCW (Training Technologie Center Wash) dient nicht nur als Ausbildungs-Zentrum, sondern auch als Werkstatt, in der die Pumpen und das Bohrwerkzeug hergestellt und repariert werden. Sie fungiert als Lager, und zur Entwicklung und Weiterentwicklung unserer Technologien. Von ihr aus werden die Projekte koordiniert und die Schule ist zentrale Anlaufstelle für die Brunnenbauer. In ihr befindet sich auch eine Ausstellung mit allen EMAS-Technologien.

FSL: Für Sierra Leone e. V. hat den Einbau der Elektroinstallationen in der Brunnenbauerschule übernommen und wird auch weiterhin mit EMAS-International e. V. zusammenarbeiten. Warum haben Sie sich gerade für Für Sierra Leone e. V. als Partner entschieden?

KS: Bei Für Sierra Leone e.V. handelt es sich um einen Partner, der die Problematik vor Ort kennt, selbst auch durch Mitglieder und Vorstand oft vor Ort ist, und sehr unkompliziert, aber dabei gewissenhaft die Projekte abwickelt.

Für Sierra Leone e. V. verfolgt außerdem die gleichen Ziele wie wir: Unterstützung der Projekte mit Focus auf die langfristige Unabhängigkeit der Bürger. Auch stimmt die „Chemie“ zwischen FSL und uns, Vertrauen ist die wichtigste Grundlage für jede gute Zusammenarbeit in den Projekten.

FSL: Wie viele Brunnenbauer können pro Jahr ausgebildet werden und wie werden die fertigen Brunnenbauer auf ihrem weiteren Weg begleitet und unterstützt?

KS: Es ist schwierig, hier eine Zahl zu nennen. Jährlich wird ein Kurs mit ca. 14 Personen angeboten. Die eine Hälfte wird dann wirklich als Brunnenbauer arbeiten – die andere Hälfte zeigt sich als nicht geeignet oder nicht ausreichend motiviert. Es wird aber auch viele Brunnenbauer geben, die ohne die Ausbildung mit der EMAS-Technologie Brunnen bohren oder Installationen nachbauen. Das ist auch gut so. Es wird Konkurrenz geben und die Preise werden für die Nutzer günstiger. Wolfgang Buchner und ich sind ständig in Kontakt mit unseren Partnern vor Ort. So erfahren wir auch, was benötigt wird und können die nächsten Einsätze vorbereiten.

FSL: Die Brunnen befinden sich meist in Privatbesitz. Warum?

KS: Von EMAS werden sehr selten kommunale Trinkwasserversorgungen gebaut.

Bei kommunalen Trinkwasserversorgungen gibt es meist keinen Verantwortlichen und dadurch werden sie nicht sorgfältig gepflegt und gehen kaputt. Es gibt viele Dorfbrunnen mit denen schon seit Jahren kein Wasser mehr gefördert wurde.

Bei komplizierten Techniken ist auch meist niemand vor Ort, der die Brunnen reparieren könnte oder es fehlen Ersatzteile. Das ist bei unseren Brunnen anders. Wenn eine Familie privat den Brunnen zahlt, kommt sie in den Genuss „eigener Wasserversorgung“ und kümmert sich um Pflege und Wartung.

FSL: Was kostet ein Brunnen und wie wird er finanziert?

KS: Ein gebohrter 30-Meter-Brunnen einschließlich Pumpe kostet in Sierra Leona ca. 350 EURO. Der Brunnen wird von den Nutzern selbst bezahlt. Da die Menschen jedoch nach Ebola fast keinen oder gar keinen Verdienst hatten, übernimmt EMAS zurzeit noch die Materialkosten.

FSL: Ist das nicht ein Projekt, das nur die besser betuchten Menschen Sierra Leones erreicht? Kann sich eine arme Familie denn einen Brunnen leisten?

KS: Natürlich werden Brunnen auch komplett von EMAS, beziehungsweise unseren Unterstützern bezahlt, aber grundsätzlich sollen die Projekte irgendwann ohne Zuschuss laufen und die Brunnenbauer davon leben können. Es wird aber sicherlich immer wieder Ausnahmen geben, wie zum Beispiel bei unserem aktuellen Projekt auf der Halbinsel   Bonthe in Sierra Leone. Hier ist die Armut sehr groß, die Menschen sind absolut mittellos. Das BMZ (Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) übernimmt hier die gesamten finanziellen Kosten für den Bau von 200 Brunnen. Die Bewohner selbst leisten aber auch Ihren Anteil bei dem Ausbau der Trinkwasserversorgung. Sie bohren die Brunnen unter Anleitung eines ausgebildeten Brunnenbauers und sorgen für die Verköstigung und Verpflegung der Beteiligten.

FSL: Ihr Verein hat noch weitere Technologien und Produkte entwickelt?

KS: Neben den Bohrmethoden und der EMAS-Pumpe hat Wolfgang Buchner auch Wassertanks in verschiedenen Größen (20-5000 Liter), Waschbecken, Regenwasserzisternen, Trinkwasserfilter, Sonnenkollektoren für Warmwasser, Duschkabinen, Trockentoiletten, Bewässerungssysteme und Kleinkraftwerke entwickelt.

Die neuste Erfindung ist eine Fäkalienpumpe, die in Bo (Sierra Leone) von der Welthungerhilfe e. V. getestet wird.

FSL: Welche langfristigen Ziele hat Ihr Verein in Sierra Leone, und welche Projekte sind in Planung?

KS: Unser nächster Einsatz wird im Oktober stattfinden, Wolfgang Buchner, Josef Buchner und ich werden im Oktober nach Sierra Leone fliegen, um neue Projekte anzustoßen, Installationen zu prüfen und mit den Besitzern zu reden. Gemeinsam mit den Brunnenbauern und den Partnern werden wir versuchen, Lösungswege bei entstandenen Problemen zu finden.

Die mobile Brunnenbauerschule mit Werkstatt und Bohrgerät wird mit den ausgebildeten Trinkwasserversorgern durch Sierra Leone fahren, Work-Shops anbieten, Brunnen bohren und neue Auszubildende suchen. Für dieses Projekt wollen wir auch die Unterstützung von „Für Sierra Leone e.V.“ für das Jahr 2016 einsetzen.

 

Höhepunkt in diesem Jahr wird die Einweihung der Schule sein.

 

FSL: Vielen Dank für das Interview.

 

Mehr Informationen über den Verein EMAS-International finden Sie auf http://www.emas-international.de/

 

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07 / 2016
Interview EMAS International Juli 2016.p
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